Wahlprüfsteine 2026

sturmfrei will’s wissen und hat Wahlprüfsteine an die Wahllisten gesendet, um bei der kommenden Kommunalwahl am 15. März das jeweilige kulturpolitische Profil abzuklopfen.
Wie stehen die Wahllisten zum Erhalt des Theaters? Wie kann Kultur zur Zukunftsfähigkeit einer Stadt wie Rüsselsheim am Main beitragen? Und welche Möglichkeiten wollen die Politiker:innen nutzen, um die freie Szene zu supporten?

Die Antworten der Wahllisten könnt ihr hier einsehen. Die Reihenfolge der Antworten richtet sich nach der Reihenfolge der Wahllisten auf dem Wahlzettel.

Frage 1 – Kultur als kommunaler Transformationsfaktor

Die Verknüpfung Rüsselsheims mit der Firma Opel hat lange Zeit die städtische Entwicklung geprägt. Nun ist Rüsselsheim jedoch nicht mehr die klassische Arbeiter:innenstadt und befindet sich in einem Transformationsprozess sowie der Suche nach einer neuen Identität abseits des Automobils mitten im Rhein-Main-Gebiet.

➔ Wie sehen Sie Kunst und Kultur als Faktoren für diesen Transformationsprozess?
➔ Kann Rüsselsheim in Ihren Augen zu einer Kunst- und Kulturstadt werden?

Wir verstehen Kunst und Kultur als wichtige Faktoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Identitätsbildung unserer Stadt. Rüsselsheim befindet sich in einem Wandel: Die industrielle Prägung durch Opel gehört zu unserer Geschichte, zugleich braucht unsere Stadt eine tragfähige Perspektive für die Zukunft.

Wir wollen Kultur nutzen, um Identität zu stiften, Begegnungen zu ermöglichen und das Miteinander in unserer Stadt zu stärken. Kultur soll dabei kein Randthema, sondern ein sichtbarer Bestandteil des öffentlichen Lebens sein – in allen Stadtteilen und für alle Generationen.

Rüsselsheim kann und soll eine Stadt mit einer lebendigen, vielfältigen Kulturlandschaft sein. Wir setzen dabei nicht auf ein künstliches Image, sondern auf gewachsene Strukturen, lokale Akteure und eine Kulturpolitik mit Maß, Vernunft und Verlässlichkeit.

Ohne Kunst und Kultur hat eine Stadt kein richtiges Profil. Künstlerinnen und Künstler sind auch Bürgerinnen und Bürger einer Stadt, die sich engagieren, andere Menschen begeistern, Ereignisse kritisch verarbeiten und eine Stadt bunter machen. Rüsselsheim identifiziert sich nicht mehr wie früher über den Automobilhersteller. Kunst und Kultur kann daher ein treibender Faktor sein, um das Profil zu schärfen. Rüsselsheim bietet bereits vieles an, was zu einer Kunst- und Kulturstadt gehört. Um nur einige Beispiele zu nennen: Künstlermarkt im Verna-Park, Kreativmarkt im Rathaus, Kulturveranstaltungen im Rind.

Rüsselsheim wurde in einem großen Artikel von der Süddeutschen Zeitung einmal als Residenzstadt beschrieben, mit allen Abhängigkeiten vom Hofe, in diesem Fall von Opel. Inzwischen muss sich die Stadt von ihrer Residenz emanzipieren und die Vorteile, die sich daraus und aus dem Transformationsprozess ergeben, nutzen. Dabei sind Kunst und Kultur absolut hilfreich. Nicht nur, weil Brachen Räume für die zu begleitende Transformation bieten, sondern auch, weil Kunst und Kultur, Krisen, wie kaum eine andere Branche, als Chance und Auftrag begreift. Neugierde, Inspiration, Wahrnehmung und der Drang sich auszuprobieren, sind Antrieb dieses Prozesses. Vielleicht ist das der Grund neben der Pandemie, warum in den letzten Jahren durch das Rollwerk, durch Sturmfrei mit Bel R!, durch Rakeet, durch die Taube so eine Dynamik entstanden ist, für die wir sehr dankbar sind. Zudem ist Rüsselsheim auch von einer Migrationsgeschichte geprägt. Hier gibt es bei der Gestaltung integrativer Prozesse noch Nachholbedarf. Transformation bedeutet aber auch Diversifizierung und Weiterbildung. Daher sind uns stadteigene Institutionen, wie VHS, Musikschule, Theaterpädagogik wichtig, aber auch Rüsselsheim als einen Wohnort für junge Menschen, Studierende zu entwickeln.

Rüsselsheims Kultur wird getragen von den städtischen Institutionen, aber auch von bürgerschaftlichem Engagement in Vereinen, von freien Initiativen. Eine Verstätigung der Förderung, trägt zur Weiterentwicklung der Kulturlandschaft bei. Rüsselsheim hat im Herzen des RheinMain Gebiets die ideale Lage und Größe, um auf sich aufmerksam zu machen und die daran Beteiligten, in aktiver Rolle in eigener Wirksamkeit zu erfahren und die Stadt mitzugestalten. Rüsselsheim ist mit dem Theater und den vielen Aktiven aus Initiativen und Vereinen schon eine Kulturstadt, in der auch Kunst seinen Platz findet, das kann aber noch ausgebaut werden (mehr dazu in den weiteren Antworten).

Der Wandel Rüsselsheims von der klassischen Opel-Arbeiter:innenstadt hin zu einer diversifizierten, wissens- und dienstleistungsorientierten Kommune eröffnet ein großes Potenzial für Kunst und Kultur als Transformationsmotor.
Kunst und Kultur können für Rüsselsheim ein entscheidender Hebel im Transformationsprozess sein. Sie schaffen Identität, stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verleihen der Stadt neue wirtschaftliche und emotionale Attraktivität.
Ja, Rüsselsheim kann zu einer Kunst- und Kulturstadt werden – wenn die bestehenden Potenziale strategisch gebündelt, mutig weiterentwickelt und sichtbar ins Stadtbild integriert werden.

Wir sehen das nicht als Transformation. Kultur ersetzt nicht die Produktion. Kultur ist ein Katalysator, der eine Stadt attraktiv macht und damit die Standortfaktoren zur Förderung der Wirtschaft entscheidend verbessert.
Unser Leitbild ist das einer „produktiven Stadt“. Beispiel: „Stuttgart steht als „Produktive Stadt“ für eine Kultur der Tüftler und des Erfindergeistes, für Handwerk und Gewerbe, für hochtechnologische Industrieproduktion und „Industrie 4.0“ und nicht zuletzt für Visionen urbaner Produktion und Wissensproduktion.“
In einem solchen Umfeld spielt Kultur eine wesentliche Rolle, um ein geeignetes Lebensumfeld zu schaffen für hochqualifizierte, kreative Mitarbeiter in den Branchen der Zukunft. Eine Kunst- und Kulturstadt im engeren Sinn kann und sollte Rüsselsheim nicht werden. Der alte Markenkern einer Technikstadt sollte neu definiert und belebt werden.

[…]

Rüsselsheim wird auf absehbare Zeit weiter zur Automobilstadt bzw. Arbeitnehmerstadt tendieren als zur Kunst- und Kulturstadt, was immer sie auch darunter verstehen. Kunst und Kultur ist allerdings auch ein wichtiger Standortfaktor. Unabhängig davon muss es eine Weiterentwicklung in allen Facetten geben.

Rüsselsheim hat definitiv das Potenzial zu einer Kunst- und Kulturstadt zu werden. Diese Stadt hat die besten Voraussetzungen dafür. Mit Kultur123 haben wir eine sehr gut funktionierende Kultureinrichtung. Die VHS, die Hochschule, das Theater, die Musikschule und kulturstiftende Gebäude wie Palais Verna, Opel Villen und die Festung. Dazu kommen noch sehe große potentielle Möglichkeiten mit den frei werdenden Opelarealen. Mit der richtigen Förderung dieser Institute und gezielten Programmen stehen die Türen weit offen aus Rüsselsheim eine regionale Kunst- und Kulturstadt zu formen.

Frage 2 – Erhalt und Sanierung des Stadttheaters

Die Diskussionen um den Erhalt und die Sanierung des Stadttheaters werden bereits seit mehreren Jahren geführt und werden mit großer Sicherheit auch eine Rolle im Wahlkampf zur Kommunalwahl 2026 spielen. Die Bürger:innenversammlung im vergangenen Jahr hat sehr deutlich die unterschiedlichen Sichtweisen dazu aufgezeigt

➔ Wie stehen Sie zum Erhalt des Stadttheaters und welche Maßnahmen würden Sie mit einer Stimmenmehrheit in der Stadtverordnetenversammlung umsetzen?

Das Stadttheater ist ein wichtiger kultureller Anker für Rüsselsheim, ein wichtiger Bestandteil unserer Stadtidentität und ein Ort der Begegnung. Wir sind grundsätzlich für seinen Erhalt, knüpfen dies jedoch an Voraussetzungen.

Unser Ziel ist es, das Stadttheater langfristig zukunftssicher aufzustellen. Dazu gehören eine Sanierung, sofern diese technisch sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar ist, eine strukturelle und finanzielle Neuordnung des Kulturbetriebs sowie eine breitere Nutzung, etwa durch zusätzliche Angebote wie Kinovorstellungen im Theater.

Wir stehen für Entscheidungen mit Augenmaß: kulturpolitisch verantwortungsvoll, finanziell solide und generationengerecht.

Die SPD wünscht sich natürlich, dass das Theater durch eine Sanierung erhalten bleibt. Deshalb haben wir einen Antrag mit allen Fraktionen unterstützt, der die nächste Leistungsphase vorsieht. Wir erwarten ein tragfähiges Kosten- und Nutzungskonzept und ein Sanierungskonzept, welches zeigt, dass die Sanierung größtenteils durch Fördermittel und Spenden getragen wird. Grund dafür ist der eingeschränkte finanzielle Handlungsspielraum der Stadt. Dabei ist uns wichtig, dass eine Sanierung nicht zulasten von Schulsanierungen, Kitaneubauten und Vereinsförderungen geht. Wir haben nur einen Haushalt und in Zeiten knapper Kassen muss effizient gewirtschaftet und priorisiert werden.

Unsere Haltung zur Zukunft des Theaters ist klar und eindeutig. Für uns ist das Theater mehr als nur ein Gebäude – es ist der kulturelle Mittelpunkt unserer Stadt. Wir sehen Kommunalpolitik als Gestaltungsaufgabe – Abriss und Stillstand sind keine Option. Der Erhalt des Spielbetriebs und die Sanierung sind finanziell heftig und anspruchsvoll, aber notwendig. Kinder und Jugendliche machen auf und vor der Bühne wichtige Erfahrungen. Auch die aktive Vereinslandschaft lebt von der regelmäßigen Theaternutzung. Durch das Angebot profitierten das gesamte Rüsselsheim und die Region. Auch die superengagierten Beschäftigten brauchen das Signal einer Perspektive für Ihre berufliche Zukunft, für das Haus, das Rüsselsheims Kultur und Stadtgesellschaft die vergangenen 56 Jahre deutlich prägte. Das Theater ist unser Tor zur Welt. Architektonisch ein Statement, das für die Vergangenheit einen Wert besitzt und für Zukunft steht. Unsere Stadtgesellschaft braucht mehr denn je den Spiegel der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Wir sagen ohne „wenn“ und „aber“: JA zum Theater!

Verantwortung tragen wir für die gesamte Stadt. Ein Ausspielen der Aufgaben als Schulträger, als Jugendhilfeträger oder der Mittel für kulturelle Infrastruktur wird es bei uns nicht geben.

Das Theater ist wichtig für eine lebenswerte Stadt. Daher ist es wünschens- und erstrebenswert, das Theater als Kultur- und Bildungsstätte zu erhalten. Bedingung hierfür ist, dass es zum einen ein tragfähiges Finanzierungskonzept für die Sanierung in Abhängigkeit von der Leistungsfähigkeit des städtischen Haushaltes in Anbetracht des immensen Investitionsstaus in die Infrastruktur wie bspw. Schulen und Straßen gibt, sowie zum anderen ein zukunftsfähiges Nutzungskonzept, welches den jährlichen Millionenzuschuss der Stadt kontinuierlich reduziert.

Die WsR hat sich für den Erhalt des Theaters ausgesprochen in einem vorgegebenen finanziellen Rahmen, der Grundlage war für die beschlossenen Meilensteine der Planung. Dieser Rahmen lag bei etwa der Hälfte des Finanzierungsbedarfs, den die Vorplanung ergeben hat. Egal, was die jetzt laufende Detailplanung ergibt, ist jetzt schon klar, dass das Projekt von der Stadt allein nicht zu stemmen ist.
Daher muss der Fokus auf der Gewinnung von Fördermitteln liegen, sowohl öffentlicher wie privater Herkunft. Und war in einem Umfang von mehreren 10 Millionen Euro. Wenn sich das am Ende der Detailplanung nicht abzeichnet, muss komplett neu gedacht werden, was keine Option ausschließt.

[…]

Das Theater ist architektonisches und kulturelles Aushängeschild unserer Stadt, ein zentraler Ort für kulturelle Ausdrucksformen und wichtiger außerschulischer Lernort für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die dort gelebte Kultur ist nichts, was sich bei schwieriger Finanzlage einfach mal in die letzte Reihe schieben lässt. Deshalb sagen wir ja zur einer Sanierung, die sich auf das Notwendigste beschränkt und alle Fördermöglichkeiten ausschöpft.

Das Theater ist sowohl für Rüsselsheim und auch die Region ein sehr wertvolles Gebäude. Jedes Alter wird hier vertreten von Kita bis zu Erwachsenen. Umso mehr schade ist es, dass man dieses Gebäude in den heutigen Zustand hat vegetieren lassen. Wir sind gerade in der Leistungsphase 3 und haben uns schon in der Stadtverordnetenversammlung zum Theater bekannt und stehen für den Erhalt. Natürlich darf man aber die finanzielle Situation nicht vernachlässigen. Es gilt jetzt die Kosten soweit es geht zu minimieren und alle möglichen Fördertöpfe zu aktivieren. 

Frage 3 – Unterstützung der freien Kunst- und Kulturszene

Bereits seit den 90er Jahren werden für herausragende kulturelle Leistungen und vielversprechende Nachwuchstalente der Kulturpreis sowie das Förderstipendium der Stadt Rüsselsheim am Main verliehen. Seit 2021 reiht sich auch das freie Atelier freiraum f³ in der Frankfurter Straße in die Reihe der Fördermöglichkeiten der Stadt ein. Diese drei Angebote zeigen immer wieder das künstlerische Potenzial in der Stadt auf und bedeuten für viele junge Talente auch den ersten Schritt in eine Karriere in Kunst und Kultur. Zum anderen zeigt es aber auch den hohen Bedarf an Räumen und Ateliers, um dieses Potenzial auszuschöpfen.

➔ Wie würden Sie die bereits bestehenden Maßnahmen ausbauen und neue Möglichkeiten der Förderung sowie Räume schaffen?

Wir schätzen das Engagement der freien Kunst- und Kulturszene ausdrücklich. Sie trägt wesentlich zur kulturellen Vielfalt unserer Stadt bei und bietet insbesondere jungen Talenten wichtige Perspektiven. In Rüsselsheim ist in den letzten Jahren was entstanden, das wächst gerade heran und findet unsere ausdrückliche Unterstützung.

Wir wollen bestehende Förderinstrumente erhalten und weiterentwickeln, Kulturstätten und Akteure besser vernetzen und kulturelle Angebote stadtweit sichtbar machen.

Räume für Kunst und Kultur wollen wir dort ermöglichen, wo sich durch Umnutzung, Kooperationen oder städtische Entwicklungsprojekte realistische und wirtschaftlich vertretbare Chancen ergeben. Förderung braucht für uns Verlässlichkeit und klare Strukturen.

Ein Ausbau wäre begrüßenswert, ist aber in Abwägung mit den anderen Leistungen, die im sozialen Bereich der Stadt dringend notwendig sind, nicht realisierbar. Es gilt die vorhandenen Mittel effizient zu nutzen.

Zunächst einmal unterstützen wir die geäußerte These. Gruppierungen, wie die Theatergruppe „?Schon geseh`n!“ das Ensemble „Junges Theater“ oder IKS Big Band, IKS Sing Kids haben sich als wahre Talentschmieden herausgestellt. Viele Talente wurden erkannt und durch die pädagogische Arbeit und das kreative Umfeld so gefördert, dass sie als Musiker oder Schauspielerinnen durchgestartet sind und erfolgreich ihre Kreativität zum Beruf machen konnten. Sie sorgen für eine positive Wahrnehmung und sind damit wichtige Botschafter:innen der Stadt. Daher muss Kulturpolitik auch ein Interesse haben, diese Künstlerinnen und Künstler zurück in die Stadt zu holen, um ihren Esprit weiterzugeben. Gelungen ist dies als Dozenten für das Junge Theater, IKS Swing Kids, Werksschauen, Introducing-Reihe im Kulturzentrum „das Rind“. Kunst und Kultur sind kein Lückenfüller für Leerstand in der Innenstadt. Sie sind für uns ein fester Bestandteil der Ausgestaltung unseres städtischen Zentrums.  Unter den gegebenen inakzeptablen finanziellen Bedingungen können wir froh sein, wenn das von unserem Ex-Bürgermeister Dennis Grieser geschaffene Fördermodell mit einer eigenen Stabsstelle im Rathaus, die Kultursteuerung, die sich als Partnerin der zu fördernden Künstlerinnen und Künstler versteht, erhalten bleibt.

Für uns ist es wichtig, jungen Menschen Räume zur Erprobung, zur Selbsterfahrung, zur Kreativität zur Verfügung zu stellen. Wir haben monetäre Förderungen für das Bel R! Festival oder das Rollwerk gerne mit initiiert und beschlossen.

Aufgrund der aktuellen und auch künftigen hochdefizitären Finanzlage der Stadt muss das Bestreben nach Erhaltung bestehender Strukturen und Institutionen vorrangig behandelt werden. Dies gilt für alle Bereiche der Daseinsvorsorge in der Stadt, also auch für Kunst und Kultur. Rüsselsheim bezuschusst den Eigenbetrieb Kultur 123 seit Jahren mit mehreren Millionen Euro jährlich. Eine darüberhinausgehende zusätzliche Förderung wird allein schon aufgrund von Auflagen der Aufsichtsbehörde (Regierungspräsidium) zu den Haushaltsgenehmigungen kaum denkbar sein.

Der Kulturpreis und das Förderstipendium möchten wir erhalten. Die Fortsetzung des f3 ist wünschenswert, muss sich aber in das Konzept der Konsolidierung der städtischen Liegenschaften einfügen. Dafür ist es unabdingbar, dass die Stadt in Zukunft genehmigte Haushalte hat, da nur dann diese freiwilligen Leistungen erbracht werden können.
Derzeit sehen wir Rüsselsheim nicht auf dem Weg zu genehmigten Haushalten, da strukturelle Veränderungen auf der Ausgabenseite nicht angegangen werden. Durch Erhöhung von Steuern und Gebühren wird der Haushalt nicht ausgeglichen werden können. Daher ist der oben angesprochenen Weg zu einer „Produktiven Stadt“ der Schlüssel dafür, sich Kultur „leisten“ zu können.

[…]

Der freien Kulturszene kommt die gleiche Bedeutung zu wie den etablierten Kultur. Sie ist selbstverständlich zu fördern und zu unterstützen. Das tut die Stadt auch in nicht unerheblichem Maße. Räumlichkeiten und Ateliers stünden im Altwerk genügend zur Verfügung. Leider hat es die Stadt vor Jahren versäumt, Eigentümerin zu werden.

Um das künstlerische Potenzial in Rüsselsheim am Main besser zu nutzen, sollten die bestehenden Förderangebote ausgebaut und durch neue Maßnahmen ergänzt werden. Preise und Stipendien könnten finanziell gestärkt und um Mentoring-Programme erweitert werden, damit junge Talente langfristig profitieren.

Gleichzeitig braucht die Stadt mehr bezahlbare Ateliers und Proberäume. Das Modell von freiraum f³ sollte durch Zwischennutzung leerstehender Gebäude und Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften ausgeweitet werden. Ergänzend wären kleine, unbürokratische Projektförderungen sinnvoll, damit Kunstprojekte schneller umgesetzt werden können.

So entsteht eine nachhaltige Kulturförderung, die Talente in der Stadt hält und neue kreative Impulse anzieht.

Frage 4 – Institutionelle Förderungen und Projektförderung

Gerade in den vergangenen Jahren haben sich aus der jungen Kunst- und Kulturszene diverse Initiativen und Projekte herausgebildet. Dazu zählen unter anderem das Rollwerk, das Bel R! Festival oder auch die Galerie Die Taube. Die Initiativen leben vor allem vom Ehrenamt und werden zum Teil auch finanziell durch die Stadt Rüsselsheim am Main unterstützt. Oftmals ist es diese städtische Förderung, die den Grundstock für diese Projekte liefert und auf der aufgebaut werden kann, um weitere Mittel zu akquirieren. Angesichts der prekären Haushaltslage der Kommunen und Landkreise, stehen solche Fördermöglichkeiten oftmals auf der Kippe.

➔ Wie würden Sie trotz klammer Kassen den Fortbestand dieser Initiativen und Projekte sichern?

Auch in finanziell schwierigen Zeiten bleibt Kultur für uns ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens. Wir wollen kulturelle Initiativen nicht gegeneinander ausspielen, sondern verlässlich unterstützen.

Unser Ansatz ist eine finanziell solide und transparente Aufstellung des Kulturbereichs, planbare Förderstrukturen für Institutionen und Projekte sowie die Anerkennung und Unterstützung des Ehrenamts.

Kulturelle Förderung verstehen wir als Anschub und Grundlage, um weiteres Engagement, Kooperationen und zusätzliche Fördermittel zu ermöglichen.

Auch freiwillige Leistungen müssen weiterhin garantiert werden, da Ehrenamtliche einen wichtigen Beitrag für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten! Als SPD-Fraktion haben wir bereits Kritik nach oben geäußert und die unfaire Verteilung von Steuern und Aufgaben angesprochen. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass Kommunen besser finanziell ausgestattet werden, damit wir nicht bei jeder freiwilligen Leistung den Cent mehrfach umdrehen müssen.

Für uns ist die finanzielle Ausstattung der Stadt Rüsselsheim genau wie von vielen weiteren hessischen Kommunen verfassungswidrig. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber (Land Hessen) hier eine Verbesserung herbeiführt. Die Sicherung ist von einer Förderung abhängig, die wir sichern wollen, aber auch von der Motivation der Personen, die sich für die Kulturlandschaft unserer Stadt engagieren. Sie sollen Bedingungen vorfinden, um dabei am Ball zu bleiben und aus sich heraus Nachwuchs zu integrieren. Konkret bedeutet unsere Kulturpolitik:

  • Schaffung von Räumen für Experimente und Kreativität
  • Langfristige Perspektiven für Bel R!, Rollwerk, Atelier freiraum f³, Taube
  • Zentrales (Inter-)kulturelles Fest in der Innenstadt
  • Weiterentwicklung der Konzepte von Museum und Theater
  • Erlebbarmachen der Industriekultur (wohnen, arbeiten, erleben, feiern)
  • Weiterhin gemeinsam mit den Kulturtreibenden „Lust auf Rüsselsheim“ zu haben und zu machen
  • Musikschule in den Palais Verna
  • Vernetzung bestehender Initiativen
  • Bestandssicherung Förderkulisse
  • Theater erhalten und sanieren
  • Integration von angesagten jugendkulturellen Musikangeboten in städtische Feste und Feiern (HipHop-Bühne auf der Kerb, in Ergänzung zu Coverbands auf dem Marktplatz)
  • Künstlerisches Potential an die Stadt binden
  • Konzepte gemeinsam entwickeln

Hier verweisen wir auf unsere Antwort zur Frage Nr. 3. Eine darüberhinausgehende „Zusicherung“ wäre unseriös und kann daher nicht erteilt werden.

Hier gilt das unter 3. Gesagte.
Wir würden uns aktiv einschalten, die Initiativen und Projekte durch Sponsoren zu unterstützen. Die in Rüsselsheim angesiedelten Unternehmen sollten sich durchaus stärker in der Stadtgesellschaft engagieren.

[…]

Die Förderung des Rollwerks mit 150 000 €, des Bel R! Festivals mit 65 000 € ist nicht gerade wenig, aber im Verhältnis zum Gesamthaushalt Kleckerbeträge. Diese müssen weiter fortgeführt werden, ebenso wie die Förderung des Rind, des Kunstvereins, des Malkastens, der kulturellen Vereine u.u.u. Ein ehrenamtliches Engagement ist natürlich unerlässlich.

Auch bei knappen Haushaltsmitteln kann Rüsselsheim am Main seine Kulturszene sichern, indem städtische Fördergelder gezielt als „Anschubfinanzierung“ eingesetzt werden, um weitere Drittmittel von Stiftungen, Land und Bund zu aktivieren. Initiativen wie Rollwerk, Bel R! Festival oder Galerie Die Taube profitieren besonders von verlässlichen kleinen Grundförderungen, kostenfreien Räumen und organisatorischer Unterstützung statt nur von hohen Einzelzuschüssen.

So kann die Stadt mit begrenzten Mitteln stabile Strukturen schaffen und ehrenamtliches Engagement langfristig absichern.

Frage 5 – Alte Schmiede bzw. ein Kulturzentrum für Rüsselsheim

Kunst und Kultur benötigen Räume, um sich entfalten zu können und neue Angebote zu schaffen. Leider sind solche Räume in Rüsselsheim rar oder schlichtweg nicht bezahlbar. Die Idee zu einem Kulturzentrum, welches unter anderem Atelier- und Veranstaltungsflächen für die Kunst- und Kulturszene bietet, ist nicht neu. Angefangen von der Idee eines Kulturzentrums im Opel-Altwerk, bis hin zu den Überlegungen zur Nutzung der Alten Schmiede im Rüsselsheimer Westend.

➔ Wie stehen Sie zu der Idee, in Rüsselsheim ein solches Kulturzentrum zu entwickeln und welche möglichen Chancen sehen Sie für Synergien und Weiterentwicklungen?

Wir sehen den Bedarf an bezahlbaren und geeigneten Räumen für Kunst und Kultur in Rüsselsheim. Die Idee eines Kulturzentrums betrachten wir offen und konstruktiv.

Ein solches Projekt kann Chancen für Vernetzung, neue Formate und kulturelle Belebung bieten. Für uns ist jedoch entscheidend, dass ein Kulturzentrum wirtschaftlich tragfähig ist und in ein gesamtstädtisches Kultur- und Stadtentwicklungskonzept eingebettet wird.

Maß, Vernunft und langfristige Verantwortung stehen dabei im Mittelpunkt. Uns ist aber bewusst, dass es ohne einen städtischen Beitrag nicht gehen wird, den müssen wir auch leisten.

Man könnte es sich als Politik leicht machen und sagen, wir unterstützen das. Es wäre allerdings nicht wahrhaftig und jeder der dies tut, müsste auch sagen, woher er das Geld bei den hohen Schulden nehmen will? Stattdessen weniger für Kitas und Schulen? Die Stadt sollte realistische kleine Kultur-Projekte unterstützen. Hier kann mit wenig Mitteln, mehr erreicht werden. Wichtig ist die Hilfe für kleine Initiativen selbst Sozio-Kulturelle-Fonds erfolgreich zu nutzen! Luftschlösser-Versprechungen führen nur zu falschen Erwartungen und Enttäuschungen.

Rüsselsheim als Stadt im Umbruch hat seit den 90er Jahren mit der räumlichen Abkopplung des Altwerks einen industierkulturellen Schatz von nationalem Format. Allerdings liegt das Eigentum nicht in städtischer Hand. Andere Städte, wie Leipzig, Berlin, Hagen zeigen eindrucksvoll, welche Möglichkeiten in einer Nachnutzung ehemaliger Industrieflächen liegen. Die Kreativ- und Kulturwirtschaft ist in allen Fällen darin fest integriert und wirkt als Impulsgeber. Unsere Aufmerksamkeit lenkt sich auf Bereiche, bei denen es unmittelbare Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Hier müssen alle Fördermöglichkeiten genutzt werden, auch auf europäischer Ebene, wie dies auch im Opelwerk in Bochum gelungen ist. Wir befürworten eine Entwicklung des E-Baus, hin zu einem lebendigen Kiez, bei dem das Rollwerk einen zukunftsfähigen Standort bekommt und weitere Elemente für das Gemeinwohl, Kultur, Bildung, Innovation Innenstadtnah einen Platz bekommt.

Die Pläne zur Entwicklung des E-Baus bzw. der Alten Schmiede sind noch nicht ausgereift genug, um sie abschließend bewerten zu können. Ausschlaggebend für die Verwaltung scheint hier das große Förderpotential zu sein. Interessant wäre aber die Frage, was nach der Förderung an der Stadt „hängen bleibt“. Grundsätzlich sollte die Verwaltung auf den Erhalt bestehende Einrichtungen und Angebote konzentrieren als sich mangels personeller und finanzieller Ressourcen auf neue „soziokultureller Abenteuer“ einzulassen.

Der Idee eines weiteren Kulturzentrums stehen wir bei der derzeitigen Finanzlage der Stadt sehr kritisch gegenüber. Die Stadt darf sich nicht verzetteln. Die Sanierung des Theaters und des Palais Verna sind große Brocken, die es erst mal zu stemmen gilt.
Das gilt nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die planerischen Ressourcen. Die Stadt sollte auch nicht mit der Entwicklung des Opel-Altwerks in Konkurrenz treten, sondern sich dafür einsetzen, dass diese endlich in Gang kommt.
Wenn ein Projekt wie die Alte Schmiede entwickelt und der Kultur zur Verfügung gestellt wird, werden die Räume dadurch auch nicht „bezahlbarer“. Wenn sie zu Vollkosten kalkuliert werden. Es sei denn, die Stadt schießt zu, und genau das kann sie sich nicht leisten.

[…]

Ein Kulturzentrum, wie in vielen anderen Städten, wäre selbstverständlich toll und wichtig für Rüsselsheim. So könnten Räume für Ateliers, Veranstaltungen, Ausstellungen, Treffen, Kino geschaffen werden. Die vorgelegten Entwürfe für das Opel Altwerk finden wir ansprechend, allerdings sehen wir in der momentanen finanziellen Situation der Stadt kaum Möglichkeiten diese umzusetzen.

Wir halten ein Kulturzentrum in Rüsselsheim am Main für eine große Chance, um der Kunst- und Kulturszene dauerhaft bezahlbare Räume zu sichern. Standorte wie das Opel-Altwerk oder die Alte Schmiede könnten Ateliers, Proberäume, Veranstaltungen und kreative Bildung an einem Ort bündeln.

Ein solches Zentrum würde Synergien zwischen Künstlern, Vereinen, Bildungseinrichtungen und der Stadtentwicklung schaffen, neue kulturelle Angebote ermöglichen und zugleich die Attraktivität der Stadt erhöhen. Damit würde Kultur nicht nur gefördert, sondern als Motor für Begegnung, Innovation und Identität gestärkt.